2026 | Fabian Marcaccio | Drawings

Fabián Marcaccio setzt sich intensiv mit Transformationsprozessen auseinander. Dabei analysiert er sein eigenes System: die Malerei als Medium, die Rolle des Künstlers und auch die Sehgewohnheiten des Betrachters. Letzen Endes gehen seine Werke über sein Medium hinaus und reflektieren die Gesellschaft im digitalen Zeitalter. Sie erzählen von der Bilderflut und der damit einhergehenden Überforderung. Sie zeigen nicht nur die Wandelbarkeit von fundamentalen Elementen, sondern stehen sinnbildlich für die Veränderung von Werten und Strukturen, für Ausbreitung und Verfall von Weltbildern, Staatsformen, Märkten und Institutionen. 

Sie thematisieren die unbegrenzten Möglichkeiten, aber auch die Instabilität und Unsicherheit unserer Zeit.

Sein Künstlerbuch mit dem schlichten Titel Drawings hat Marcaccio seinem zeichnerischen Werk gewidmet. Hier trifft der Ausdruck ‚Don’t judge a book by its cover!‘ nicht zu: Denn man bekommt das, was es verkündet. Das Inhaltsverzeichnis wird selbstbewusst auf dem Buchdeckel platziert. Nur die längliche Form darunter braucht ergänzende Informationen aus dem Impressum, die den Leser zu einem DIY einlädt. In sieben Kapiteln wird die Entwicklung seiner verschiedenen Werkserien vorgestellt, ausgehend von den frühen 80er Jahren bis heute.

Im Buchinneren breitet sich anstelle des klassischen Inhaltsverzeichnisses eine graphische Darstellung der Chronologie und ihrer Verzweigungen seiner zeichnerischen Entwicklung aus.

 

Das erste Kapitel zeigt die frühen Zeichnungen. Noch sehr klassisch in Kohle und Bleistift gehalten, sind dort undefinierbare und nicht verortbare Strukturen zu sehen, die mal an Landschaften erinnern und eine düstere, dystopische Atmosphäre ausstrahlen.

Conjectural Amendments Drawings heißt das zweite Kapitel. Zu sehen sind Zeichnungen in comicartiger Manier, erst dicht angereiht und durchnummeriert, die sich auf den folgenden Seiten immer mehr Platz verschaffen, als würde sie für ihre eigene visuelle Stärke einstehen. Ausgangspunkt der Zeichnungen sind Grundelemente der Malerei wie Leinwand, Keilrahmen oder der Pinselstrich, die sich auflösen, auseinanderbrechen, sich verschlingen, verdrehen, verflüssigen, die Form politischer Symbole annehmen, explodieren oder sich zu vermehren scheinen, wie lebendige Wesen. Sie sind das Vokabular seiner Bildsprache und tauchen in immer neuen Kombinationen auch in seinen Malereien auf. Diese wie im Titel auf Vermutung beruhenden Veränderungen veranschaulichen Marcaccios Auseinandersetzung mit dem traditionellen Medium der Malerei, das unter dem Einfluss technischer wie politischer Entwicklungen einem ständigen Wandel unterliegt.

Der Künstler nimmt die Veränderung wahr, macht sich die neusten Techniken zu Nutze und adaptiert sie für seine erweiterte Malerei. So bezeichnet er ab Mitte der 90er Jahre seinen Werken oft als Paintant oder Draftant. Eine eigene Wortschöpfung, die die Begriffe Painting und Mutant oder Drawing und Mutant kombiniert. Diesen beiden Werkserien sind die beiden nächsten Kapitel gewidmet. Die Plans for Paintants zeigen schwarz-weiße Vorzeichnungen für Malereien, die dann in einer farbintensiven Palette so oder ähnlich umgesetzt wurden. Für die Draftants nutzt der Künstler immer die gleiche Ausgangsform, eine weiße, rechteckige Sintra-Platte, deren Oberfläche dann z.B. mit Bleistift, Kohle oder schwarzem Silikon bearbeitet, von Garn überspannt oder durch einen eingefassten Screen erweitert wird. Diese beiden Werkserien gehen noch vom Rechteck des Tafelbildes und anstatt einen Blatt Papiers von der Sintraplatte aus. Innerhalb dieses Bildgevierts wird diese klassische Struktur des Tafelbildes inhaltlich wie auch formal entgrenzt.

Als logische Konsequenz folgt das nächste Kapitel Sketches mit Entwürfen für Ausstellungsinstallation, in denen seine Malereien zu großen begehbaren Installation werden oder sogar aus dem Ausstellungraum ausbrechen. Flankiert werden die Zeichnungen mit handschriftlichen Erläuterungen oder Anweisungen für die Umsetzung.

Das sechste Kapitel sind dann politische und auch satirische Zeichnungen, die gesellschaftliche Themen der jüngeren Geschichte (z.B. Kriegerische Auseinandersetzungen, soziale Medien, AI) wie auch die Kunstgeschichte und kunsttheoretische Diskussionen kritisch-humorvoll reflektieren.

Fabian Marcaccio wendet sich mit großer Affinität immer technischen und digitalen Entwicklungen zu. In einem Draftant baut er eine Video-Animation ein, für seine Malereien greift er immer intensiver auf den 3D-Druck zurück und so schließt auch das Buch mit einem Kapitel über Digital Drawings, in dem er seine Bildfindungen mit Hilfe von Rendering Programmen variiert und komplett am Computer entstehen lässt.

Das Buch ist ein Archiv, das die Basis seines künstlerischen Schaffens zusammenfasst. Das Vokabular aus dem seine entgrenzten Bilder entstehen, die oft schrill in der Farbe, überladen in den Formen und bisweilen unbehaglich raumgreifend sind.

Eine Auswahl seiner Malereien und Zeichnungen zeigen wir in der Ausstellung The Engineering of Painting. Neben einem frühen Tent-Painting ist eine Auswahl von Draftants, Paintants, Conjectural Drawings sowie Animationen zu sehen.

Fabian Marcaccio: Drawings.
Kienbaum Artists’ Books, 2026 Edition
Edited by Jochen and Laura Kienbaum.
Snoeck, Cologne 2026.
30,6 x 22,5 cm, 96 pages, hardcover.
ISBN 978-3-86442-479-3

 

Um das Buchcover mit einem Draftant Relief zu vervollständigen kann man hier die STL Datei für den 3D Druck runterladen. Die drei Formen mit schwarzem PLA oder PLA CF drucken, ein Form aussuchen und an das Ende der 2D gedruckten Linie kleben. Wer keinen eigenen 3D-Drucker hat: online gibt es verschiedene Anbieter die auch Einzeldrucke anbieten.

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