MATERIAL MEMORIES | 20 Editionen Kienbaum Artists‘ Books

Die Sammlung Kienbaum beim HALLEN Kunstfestival in Berlin mit Werken von Eva Berendes, Gregor Hildebrandt und Julia Gruner
 
Eva Berendes_Gate (tie-dye) and Gate (apricot)

Kienbaum feiert mit der Präsentation Material Memories beim Kunstfestival HALLEN 07 in Berlin seine Künstlerbuchreihe. Seit 2007 lädt Kienbaum jedes Jahr eine Künstlerin oder einen Künstler ein, ein Künstlerbuch zu konzipieren. Mit inzwischen 20 Editionen bilden die Kienbaum Artists‘ Books ein besonderes Archiv künstlerischer Positionen, Denkprozesse und gestalterischer Übersetzungen.

Anlässlich dieses Jubiläums stellt Material Memories drei künstlerische Positionen aus der Reihe vor: Julia Gruner, Eva Berendes und Gregor Hildebrandt. Im Zusammenspiel von Buch und Werk wird sichtbar, wie künstlerische Ideen, Materialien und Haltungen in unterschiedliche Formen übertragen werden.

Julia Gruner, Cherry Shine

 Julia Gruner lotet in ihrer künstlerischen Arbeit die Grenzen des Mediums Malerei aus. Ein wichtiger Teil ihrer Arbeit ist hierbei die experimentelle Erforschung des Materials Farbe – als eines der zentralen Elemente von Malerei – in ihren chemischen, physikalischen und materialästhetischen Eigenschaften. Beispielsweise benutzt sie Farbe als Material zur Herstellung dreidimensionaler Arbeiten, untersucht Farbpartikel, die beim Malprozess übrigbleiben, unter dem Mikroskop oder experimentiert mit dem Scannen farbiger Flüssigkeiten. Dabei fließen naturwissenschaftliche, kunsthistorische und wahrnehmungstheoretische Überlegungen genauso in die Arbeit ein wie alltägliche Dinge.  

Die großformatige Arbeit Cherry Shine gehört zu Gruners Werkserie Domestic Paintings, die sie 2020 während des ersten Corona-Lockdowns begann. Aufgrund der Ausgangssperre konnte die Künstlerin nicht ins Atelier und musste auf Materialien zurückgreifen, die sie in den eigenen vier Wänden vorfand. So fing sie an mit Zahnpasta, Shampoo, Speiseöl, Soßen, Putzmittel und vielem mehr zu experimentieren. Sie trug diese auf eine Scanneroberfläche auf und spielte mit den Materialeigenschaften wie Farbigkeit, Konsistenz, Opazität und Viskosität. Aber auch die mit den Alltagsprodukten verbundenen Versprechen oder auch Gefahren interessieren die Künstlerin bei Ihrer Forschung.  

Gruners Kienbaum Artists‘ Book Universal Azo Fizz – eine Dekonstruktion, welches sie 2025 für Kienbaum entwickelte, zeigt nicht nur die farbintensiven abstrakte Bilder aus der Serie Domestic Paintings, sondern sie zwingt den Betrachter bzw. Konsumenten auch die Farben, die ihn im Alltag umgeben, zu hinterfragen. 

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Eva Berendes erweitert Malerei in textile, architektonische und räumliche Strukturen.  

Eine besonders beeindruckende Serie sind die sogenannten Gates. Sie erinnern an „patriarchalische Triumphbögen […], nur um das Assoziationspotenzial zu konterkarieren und wiederum offensiv zwischen Bild und Dreidimensionalität zu wechseln. Die Bauelemente haben dieselbe Konstruktion wie ein Tafelbild: Holzrahmen, auf die farbiger bzw. gefärbter Stoff gespannt ist. Wie bei einem Paravent, so überführt hier die Rahmenkonstruktion das Bild in den Raum hinein. Einer Farbfeldmalerei gleich kontrastieren die senkrechten und waagerechten Flächen in einem Spiel von hell-dunkel, warm-kalt und formen zusammen architektonische Gebilde mit Finessen wie treppenförmige Abstufungen oder sich verjüngenden Pfeiler. Wie in Skulptur und Architektur gibt es bei den Gates die Möglichkeit der Unterscheidung zwischen Vorder- und Rückseite, wobei die rückseitige Konstruktion normalerweise tabu ist. Hier aber wird sie selbstbewusst gezeigt mit ihren eigenen Reizen des Gemachtseins. 

Man kann durch ein solches Tor hindurchgehen, aber nicht in der Haltung eines siegreichen Herrschers durch seien Triumphbogen,  sondern gerade vorsichtig genug, den fragilen Aufbau nicht zu Fall zu bringen, dennoch in spielerischer Grundhaltung.

Hindurch gehen und ein Bild sehen, beide Möglichkeiten gleichzeitig in der Schwebe halten. Heißt, Identitäten zu öffnen und ästhetische Stimmungslagen erzeugen in einem Moment der Verwandlung des Übergangs. […]“ (zitiert aus: Eva Schmidt: Stimmungslagen: Guards, Loggia Paintings, Gates. In: Eva Berendes: Window Shopping. Kunstverein Siegen. 2022) 

Der Titel deutet es bereits an: Thoughts and Feelings  – Eva Berendes Kienbaum Artists‘ Book von 2024 – fängt den gleichermaßen entscheidenden wie auch vulnerablen Moment ein, wenn neue Arbeiten entstehen. Man wird mitgenommen ins Atelier, schaut über die Schulter beim alltäglichen, künstlerischen Arbeiten mit Textilien und liest so einiges mit, was die Künstlerin bewegt – im Leben wie beim Arbeiten. 

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Gregor Hildebrandt, Pawn Shop, 2018-2026 Courtesy of the artist Fotos: Roman März

Gregor Hildebrandt  – Inspiriert vom amerikanischen Fotografen Will Steacy und seiner Serie über Pfandhäuser in den USA begann Gregor Hildebrandt seinerseits mit Bedeutung und Sinn des Wortes Pawnshop zu spielen, da der englische Begriff pawn auch die Figur des Bauern beim Schach bezeichnet. In der Zwischenzeit sind zahlreiche Arbeiten entstanden, die mit dem Schachbrett und seinen Figuren… spielen. Seine oft ortspezifischen Pawnshops sind Installation, in dem Bauerfiguren aus unterschiedlichen Schachspielen in Setzkästen oder auf wandfüllenden Regalen zur Schau gestellt und zum Verkauf angeboten werden. Die einzelnen Figuren sind so losgelöst von ihrer Funktion als Spielfigur und präsentieren sich als Skulpturen. Auch während des Kunstfestivals HALLEN 07 können Bauernfiguren aus einem Pawn Shop (Halle C3) erworben werden. Isoliert und lebensgroß vergrößert – Vorbild war die Körpergröße des Vaters – steht in der Halle B 1 ein Bauer aus Bronze in Erscheinungsform und Material einer klassischen Skulptur. 

Wie ein Fundus von Inspirationsmaterial und Werksammlung zum Thema versammelt das von ihm 2018 gestaltete Kienbaum Artists‘ Book pawn Fotografien, die die charakteristische Struktur des Schachbretts in verschiedenen Erscheinungsformen zeigen, sowie Werke und Ausstellungsansichten zu diesem Thema. Es ist ein Fest für die Augen und eine Aufforderung zum Schmunzeln.

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Gregor Hildebrandt, "Wolfi" 2026 patinated bronze h = 186, Ø 88 cm

Gemeinsam zeigen die drei Positionen, wie sich künstlerische Praxis zwischen Buchseite und Raum, Stoff und Bild, Alltagsmaterial und Erinnerung entfaltet. 

Weitere Kienbaum Artists‘ Books – unter anderem von Pia Fries, Bernard Frize, Mary Heilmann, Gregor Hildebrandt, David Reed, Jorinde Voigt, Birgit Werres und Beat Zoderer – liegen zur Lektüre und Mitnahme bereit.  

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