Fabian Marcaccio | The Engineering of Painting

Eine Ausstellung anlässlich der Erscheinung von Fabian Marcaccios Kienbaum Artists‘ Book mit Leihgaben der Galerie Anke Schmidt.

The Engineering of Painting mit Werken von Fabian Marcaccio (*1963) ist eine Ausstellung anlässlich der Erscheinung unseres 20. Kienbaum Artists’ Book: Fabian Marcaccio – Drawings, in dem der Künstler sein zeichnerisches Werk vorstellt. Marcaccio gehört zu den zentralen Künstlern der Sammlung Kienbaum und seine Werke sind an vielen Firmenstandorten dauerhaft installiert. Für die Ausstellung haben wir von der Galerie Anke Schmidt zahlreiche Leihgaben erhalten.

In seinem künstlerischen Werk setzt sich Fabián Marcaccio intensiv mit Transformationsprozessen auseinander. Dabei analysiert er sein eigenes System: die Malerei als Medium, die Rolle des Künstlers und auch die Sehgewohnheiten der Betrachter. Der Künstler nimmt Veränderung wahr, macht sich neuste technologische Entwicklungen zu Nutze und adaptiert sie für seine „erweiterte Malerei“.

So bezeichnet er ab Mitte der 90er Jahre seinen Werken oft als „Paintant“ oder „Draftant“. Eine eigene Wortschöpfung, die die Begriffe Painting und Mutant oder Drawing und Mutant kombiniert.
Auch der Ausstellungstitel The Engineering of Painting ist ein Ausdruck des Künstlers und verbindet das künstlerisch Freie mit dem präzisen Technischen.

Letzen Endes gehen Marcaccios Werke über sein Medium hinaus und reflektieren die Gesellschaft im digitalen Zeitalter. Sie zeigen nicht nur die Wandelbarkeit von fundamentalen Elementen, sondern stehen sinnbildlich für die Veränderung von Werten und Strukturen, für Ausbreitung und Verfall von Weltbildern, Staatsformen, Märkten und Institutionen. Sie thematisieren die unbegrenzten Möglichkeiten, aber auch die Instabilität und Unsicherheit unserer Zeit.

Zeichnungen – Conjectures for a new Paint Management Remixes, 1989 – 2018

Sein Kienbaum Artists‘ Book hat Marcaccio seinem zeichnerischen Werk gewidmet, in den Worten des Künstlers: „dem Skelett seiner künstlerischen Arbeit“. Die Zeitspanne der Datierungen (1982 – heute) markiert die Kontinuität, mit der Marcaccio diese elementare Struktur seiner Arbeit aufbaut und führt die verschiedenen Stile wie auch ihre Parallelität vor Augen.

In der Ausstellung ist nur eine kleine Auswahl seiner schwarz-weißen wie auch farbigen Zeichnungen in comicartiger Manier zu sehen. Ausgangspunkt ist ein idealisierter Pinselstrich, der sich in einzelne Fäden auflöst oder zu einem Gewebe formt, zu Organischem übergeht, zerschmilzt, sich verflüssigt, explodiert oder die Form politischer Symbole annimmt. Der Titel, unter dem diese Zeichnungen gruppiert werden, benennt ihren Charakter: sie sind Überlegungen; sie sind der Ausgangspunkt für Neues; sie sind vielseitig einsetzbar – sie sind das Vokabular seiner Bildsprache.

Paint-Zone #15, 1995 | Orangerie

Seit Anfang der 90er Jahre geht Marcaccio der Frage nach, ob das „gemalte Bild“ im digitalen Zeitalter bestehen kann. Paint-Zone #15 von 1995 ist eine eher frühe Arbeit des Künstlers. Sie entspricht noch einem klassischen Tafelbild bestehend aus Keilrahmen und Leinwand, auf die Farbe aufgetragen ist. Nur zentral verlaufende Nähte mögen das einheitliche, physische Bildgefüge irritieren. Aufgelöst wird das Bildliche durch Marcaccios stark wiedererkennbare Formensprache, sein Vokabular, das wir aus den Zeichnungen kennen wie z.B. den idealisierten Pinselstrich, die Leinwandstruktur oder die tropfende Farbe, die wie Metaphern für die Malerei stehen und die mit Formelementen kombiniert werden, die eher einem digitalen, technologischen Kontext entlehnt wirken wie Schnittmarken aus dem Druckwesen, verpixelte Unschärfen digitaler Aufnahmen oder Strukturen von Computerplatinen.

Diese Arbeit ist dauerhaft im Besprechungsraum „Orangerie“ installiert. In einem einführenden Webinar für neue Kienbaum-Mitarbeiter dient sie auch zu intensiven Werkbetrachtung und ist ein anschauliches Beispiel wie von Künstlern Transformationsprozesse erkannt und visualisiert werden können.

Tent Painting, 1998

In seinem „Tent Painting, 1998“ bricht Marcaccio mit dem klassischen Tafelbild und spannt die Malfläche mit Seilen auf wie ein Zelt. Angekettet wie ein Wachhund, erweitert eine dunkle Silikonform diese in den Raum hinein. Doch sein „Malerei-Zelt“ steht nicht nur für notdürftigen und temporären Schutz oder aktivistische Präsenz, sondern ist gleichermaßen Projektionsfläche für medial-präsente, gesellschaftskritische Ereignisse der jüngeren amerikanischen Geschichte.

 

 

Draftant

Als Draftant – also die Kombination aus Drawing und Mutant – bezeichnet Marcaccio Werke, für die er graphische Techniken einsetzt und sich bewusst auf Schwarz-Weiß-Töne reduziert. Die weiße Sintra-Platte scheint hier als stabilerer Ersatz für ein Blatt Papier zu dienen, gibt dem Werk gleichzeitig eine stärkere räumliche Präsenz, einen fast schon objekthaften Charakter. Die Oberfläche des Sintra wird dann mit Bleistift, Kohle oder Edding bemalt, mit Holz- oder Linolschnittmesser eingeritzt. Das „Mutierende“ wird besonders in der Arbeit Line Draftant sichtbar, die zur Sammlung Kienbaum gehört und dauerhaft im Eingangsbereich gegenüber der Ausstellungsfläche installiert ist. Das klassische Bildrechteck wird durch eine amorphe, dicke und glänzend schwarze Silikonform aufgebrochen, die über die Oberfläche wuchert. In die Sintra-Platte ist ein Screen eingefasst mit einer Animation die tierisches Gekrabbel humorvoll mit den explosiven und auditiven Anfängen von Computerspielen kombiniert und durch die, die Bildfläche um eine Ebene erweitert wird.

3 D Print

Der Schwerpunkt der Ausstellung liegt auf Arbeiten, für die sich Marcaccio des 3D-Druckes bedient. Sie sind sozusagen die farbintensiven, überbordenden Ergänzungen zum rein graphischen Buch. An den vier ausgestellten 3D-Arbeiten, die über einen Zeitraum von 10 Jahren entstanden sind, kann man die zunehmende und intensivere Nutzung dieser Technik durch Maraccio sehr gut nachvollziehen.

Die kleine Arbeit Arbological von 2014 scheint eine Transformation vom Natürlichen und Ursprünglichem zum technisch Optimierten zu visualisieren. 

 

Der Keilrahmen besteht aus massiven Holzleisten und ein handgewebtes Naturseil ist zu einer Textur wie die einer grobmaschigen Leinwand verwoben. Auf der gegenüberliegenden Seite findet diese eine Entsprechung in verwobenen, farbigen Kletterseilen. Die sich gegenüberliegenden Texturen verbinden oder zertrennen technisch anmutenden 3D-Strukturen, die an Kabelbäume erinnern. Es macht den Eindruck, als würde das natürliche Gewebe befallen, angegriffen und überlagert oder ist die Entwicklung umgekehrt und das Natürliche infiziert das Technische? Der Begriff „Kabelbaum“, der ähnliche Assoziationen weckt wie der Titel der Arbeit, könnte ebenso eine Wortschöpfung Marcaccios sein.

 

 

Kienbaum Artists’ Book: Fabian Marcaccio – Drawings

Kienbaum Artists’ Books, 2026 Edition
Edited by Jochen and Laura Kienbaum.
Snoeck, Cologne 2026.
30,6 x 22,5 cm, 96 pages, hardcover.
ISBN 978-3-86442-479-3

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